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© Karl Jürgen Roth (2007 - 2009)  


EINFÜHRUNG

Alte Bauernhäuser sind faszinierende Zeugnisse des einstigen Lebens und Arbeitens im ländlichen Raum. Heute sind viele dieser traditionellen Bauten verschwunden, aber erfreulicherweise ist in den vergangenen Jahrzehnten etliches in Bildform dokumentiert worden. Andere Bauten sind teilweise von ihren bisherigen Standorten, an denen sie nicht erhalten werden konnten, in Freilichtmuseen umgesetzt worden und so einer breiten interessierten Öffentlichkeit zugänglich.

Die hier veröffentlichte kleine Sammlung Altes Bauernhaus zeigt Bilder (zumeist Postkarten) von ländlichen Gebäuden aus verschiedenen europäischen Ländern. Diese Bilder, sollten verkauft werden, sie mussten somit dem Geschmack der potentiellen Käufer entsprechen, d.h. sie zeigen das, was die Fotografen und Verleger für verkaufenswert hielten. Das bedeutet, dass es sich nicht unbedingt um Abbildungen von Realität handelt, sie idealisieren und betonen zudem oftmals malerische, pittoreske Aspekte, teilweise findet sich in den Abbildungen auch eine rückwärts gewandte Sozialromantik - aber sehr oft dokumentieren sie auch Zustände, die ansonsten in dieser Form nur selten überliefert wurden. Die Bilder stellen somit auf jeden Fall wichtige Quellen für die Geschichte der ländlichen Siedlungs-, Wohn- und Arbeitsformen dar.

Sortiert sind die Abbildungen nach Ländern, Bundesländern (Kantonen) und Kreisen. Auf eine Zuordnung zu bestimmten Landschaften wurde verzichtet (Die jeweiligen benachbarten Kreise | Regionen können zumeist den anklickbaren Karten entnommen werden). Maßgeblich für die Zuordnung zu einem bestimmten Land war die heutige Zugehörigkeit eines Ortes. Dies führt insbesondere im Zusammenhang mit den territorialen Veränderungen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges dazu, dass die östlich von Oder und Neisse gelegenen ehemaligen deutschen Orte nun vorwiegend unter Polen bzw. Russland gelistet werden! Den Abbildungen, die vielfach aus unterschiedlichen Quellen im Internet stammen, sind knappe Erläuterungen beigegeben. Die unterschiedliche Qualität und Grösse der Abbildungen beruht auf den zur Verfügung stehenden Vorlagen. Es wurde versucht die einzelnen Abbildungen möglichst konkret bestimmten Orten zuzuordnen; dies war jedoch nicht immer möglich, daher finden sich bei einigen Orten nur Angaben zu einem bestimmten Land, andere Zuordnungen bleiben fraglich (gekennzeichnet durch (?)).

In gesonderten Bereichen werden die 'Randgebiete' Ländliche Trachten, Ländliches Arbeiten, Kuriosa und Künstlerisches angesprochen.

Die beigefügten Literaturhinweise und Links erlauben es, das Wissen über die ländlichen Wohn- und Siedlungsformen zu vertiefen. Hier finden sich Texte und Beiträge über die Geschichte der Bauernhäuser, ihre speziellen Konstruktionen, ihre Typisierung sowie über das frühere Leben auf dem Lande.


Bauernhofformen und Bauernhoftypen

Alte Bauernhäuser hatten je nach Region und Entstehungszeit eine sehr unterschiedliche Gestalt. Ihre verschiedenen Formen und Typen können und sollen hier nicht ausführlich vorgestellt werden.

Die auf der Titelseite gezeigte Abbildung aus einer alten Ausgabe von Meyers Konversationslexikon (um 1900) zeigt neun verschiedene in Deutschland gebräuchliche Bauernhaustypen. Gebhard (1977) unterscheidet in einer Übersicht mehr als 42 verschiedene Hausformen und andere Autoren differenzieren für den deutschen Raum noch genauer. Die Vielfalt ist also gross und der möglichen Differenzierungen gibt es sehr viele.

Wenn hier dennoch einige Beispiele knapp vorgestellt werden, so kann dies nur als unzureichender Versuch einer globalisierenden Übersicht verstanden werden, der einer gewissen Orientierung dienen soll. Zu unterscheiden ist z.B. in den einzelnen Regionen zwischen den Gebäuden reicher und armer Bauern, die sehr unterschiedlich aussehen konnten, auch wenn sie eventuell ähnlichen konstruktiven Grundprinzipien folgten. Des weiteren lässt sich durchaus eine zeitliche Veränderung feststellen, Neuerungen in der Konstruktion oder auch modische Veränderungen fanden durchaus Eingang in die Bauernhäuser auf dem Lande. Genauere Aussagen zur Gestalt und Funktion von Bauernhäusern in den verschiedenen Regionen und den oft damit verbundenen weiteren ländlichen Bauformen kann nur die einschlägige Fachliteratur bieten.

Sehr vergröbernd kann man unterscheiden zwischen Einhäusern, in denen alle Bereiche des bäuerlichen Lebens und Arbeitens unter einem Dach vereinigt waren und Hofformen, die aus mehreren Gebäuden bestanden. Erstere waren z.B. im norddeutschen Raum (z.B. die niederdeutschen Hallenhäuser) aber auch im Alpenvorland und Alpengebiet oder im Schwarzwald verbreitet. Letztere finden oft sich in der Form von Mehrseithöfen (hier wurden die verschiedene Gebäudeteile (Wohnhaus, Stall, Scheune etc.) um einen (zentralen) Hofraum angeordnet); sie waren im Bereich der deutschen Mittelgebirge weit verbreitet. Die folgende Übersicht beruht auf einem alten zusammenfassenden Darstellung.

Typus des 'niederdeutschen Hallenhauses': Vorne der Wirtschaftsteil des Hauses mit großen Einfahrtstor, Deele und Stallungen, hinten der Wohnteil; hier zustätzlich ein Nebengebäude.

1) Das westfälische oder sächsische B. (Fig. 1) gruppiert die für Menschen, Viehstand und Vorräte bestimmten, sämtlich unter Einem Dach untergebrachten Räume um einen zu den verschiedensten Arbeiten bestimmten Mittelraum, die Diele (Deile) oder Ähre, dessen Mittelpunkt der Herd bildet. Gewöhnlich sind die Wohnräume an der einen Schmalseite, die Stallungen an den beiden Langseiten so angebracht, daß die zwischen denselben gelegene Diele eine T-förmige Gestalt erhält und mit drei Eingängen, zweien an den beiden Langseiten und einem an der andern Schmalseite, versehen werden kann. Vor dieser letztern befinden sich die Düngerstätten, im Dachraum die Vorräte. Bauernhäuser dieser Art finden sich noch heute in Westfalen, Hannover, Pommern, Mecklenburg und Schleswig-Holstein (Fig. 2, 3, 4). In der Nähe des Haupthauses, jedoch von ihm getrennt, befinden sich die kleinern Häuser der Knechte, Heuer, Gärtner oder der betagten Eltern (Altsitzer), welche, gleich den Häusern der Kleinbauern (Köter, Kotsassen), sich in ihrem Plan durch nichts andres von den größern Häusern unterscheiden als durch die dem geringern Bedürfnis angemessene Verkleinerung der Wirtschaftsräume, insbesondere der Viehstände.;
Typus des 'niederdeutschen Hallenhauses': hier ebenfalls ein Einhaus, wie es oftmals in Schleswig-Holstein oder Mecklenburg-Vorpommern zu finden war.

T-förmiges Gebäude, ein Gebäudetyp aus dem Gebiet der deutschen oder auch dänischen Nordseeküstenregion.

Holzblockbauweise mit einer Laube vorne (Wohnteil vorne - Wirtschaftsteil hinten).

Ebenfalls ein Einhaus, jedoch mit modifizierter Grundrissaufteilung

2) Das slawische B. (wendisches B., Fig. 5) enthält zwar eine kleinere Hausflur, auf derselben aber noch den Herd, während die Stallung und die Dreschtenne schon von ihm abgeschieden sind. Noch jetzt finden sich derartige Bauernhäuser im tschechischen Böhmen, in der wendischen Lausitz und vereinzelt in den früher von Slawen, Sorben und Wenden bewohnten Gegenden von Preußen, Sachsen und Thüringen.
Doppelstöckisches Gebäude mit massivem Erdgeschoss und dem Obergeschoss in Fachwerkbauweise, teilweise auch als 'Ernhaus' bzeichnet.

3) Das mitteldeutsche B. (fränkisches B., Fig. 6) besitzt zwar noch eine Hausflur; der Herd ist aber von derselben durch eine Scheidewand getrennt, also in eine Küche verlegt. Sowohl die Stallungen als die Scheune grenzen nicht mehr dicht an die Wohnräume an und sind oft mit besondern Eingängen versehen. Wo das Haus an einem Bergabhang liegt, ist es bisweilen mit dem die Stallung enthaltenden Teil in den Berg hineingeschoben, so daß die Scheune ihren Eingang nicht selten im obern Stock erhält. Beispiele solcher Häuser finden sich noch im sächsischen Erzgebirge, im Westerwald, in Franken und Deutsch-Böhmen.
Oberdeutsches Bauernhaus, hier in Fachwerkbauweise mit Balkon und Klebdach.

4) Das oberdeutsche B. (bayrisches Alpenhaus, Schwarzwälder B., Fig. 7) zeigt, wenn auch alle Räume noch unter Einem Dach vereinigt sind, die vollständige Trennung der Wohnung, welche außer mehreren Wohnräumen eine kleinere Hausflur mit dem Haupteingang gewöhnlich auf einer Schmalseite und eine eigne Küche besitzt, von Stallung und Scheune, von denen erstere einen Eingang sowohl von der Hausflur als von außen, letztere ihre besondere Einfahrt an der dem Hauptzugang zur Wohnung gegenüberliegenden Schmalseite hat.
'Vierseithof' in Fachwerkbauweise

5) Der thüringisch-fränkische Bauernhof (Fig. 8) vollzieht die Trennung der einzelnen Baulichkeiten entweder teilweise, indem er sie, im Innern geschieden, um einen unbedeckten großen Hofraum aneinander reiht, oder vollständig, indem er jene den verschiedenen Wirtschaftszwecken entsprechenden Baulichkeiten einzeln aufführt. Im erstern Fall bleibt ein gewisser Zusammenhang gewahrt, indem die Gebäude in eng geschlossener Reihe den Hof umziehen, insbesondere d er Stall unmittelbar, meist auf derselben Seite des Hofs, an das Wohnhaus, die Scheune aber, meist auf der andern Seite des Hofs, an den Stall angebaut ist. Im zweiten Fall erfolgt die Trennung auch des Stalles vom Wohnhaus, welches entweder mit der Scheune verbunden, oder auch von ihr getrennt wird. In beiden Fällen erhält die vierte, mit Gebäuden nicht besetzte Seite eine Haupteinfahrt, während die übrigen Grenzen des Hofraums mit Zaun oder Mauer abgeschlossen werden, die Düngerstätte aber ihre Lage inmitten oder zur Seite des Hofs in möglichst geringer Entfernung von den Ställen. Die Wohnung enthält meist eine kleinere Flur mit den Treppen, auf welchen man in den Keller und Dachraum gelangt, sowie mit einer kleinen, Sommerherd und Backofen enthaltenden Küche, die große, mit Kochofen und Ofenbank ausgestattete Wohnstube, Schlaf-, Vor- und Mägdekammer. Die vorbeschriebenen Anlagen finden sich mit mancherlei Modifikationen vorzugsweise in Rheinpreußen, der Pfalz, Oberhessen, Kurhessen und Thüringen.
Bauernhaustyp aus dem Berner Oberland in Chaletbauweise, z.T. schon im 'Laubsägestil'

6) Das schwäbische und schweizerische B. (Fig. 9) unterscheidet sich von den zuvor besprochenen Häusern durch die beinahe durchgängige Anlage zweier Stockwerke für die Wohnungen, zu deren über den Kellerräumen befindlichem untersten Stockwerk frei liegende, vom Dach überragte Treppen und Seitenlauben führen; dasselbe enthält die meist gegen Süden angelegte Wohnstube mit dem Kachelofen und einem an zwei Seiten mit festen Bänken umgebenen Tisch, eine Schlafstube und die Küche mit zwei einarmigen, zu den Kellerräumen und zu dem obern Stockwerk führenden Treppen, welch letzteres außer den Bodenräumen zwei am vordern Giebel angebrachte Schlafkammern enthält. Neben diesem fast in allen deutschen Teilen der Schweiz angenommenen Typus des Wohnhauses findet sich vorzugsweise im Berner Oberland noch derjenige verbreitet, welcher die Küche in das Zentrum des Hauses verlegt, von welcher nebst dem kurzen anstoßenden Gang aus man Zutritt zu den umliegenden Zimmern und Kammern hat.;

(Abbildungen und Texte aus: Meyers Konversationslexikon. Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892 - 2. Band: Atlantis - Blatthornkäfer | Onlinefassung unter: http://www.retrobibliothek.de/retrobib/index.html)


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